Praxis 2/2011- Leseprobe 1

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Probe 1 aus PdS 2/ 2011:
Vom Blick in die Vergangenheit und dem Gehen in die Zukunft
Wilfried Nelles und Jakob Schneider diskutieren über die „Verstrickung“

In den Anfängen der Systemaufstellung wurde von den meisten vor allem an Bert Hellinger gemessen, was diese Arbeit ausmacht. Seine Wirkung hatte eine Expansion zur Folge, die eine starke Diversifizierung der Arbeit mit sich brachte – methodisch wie personell. Die Frage nach dem aktuellen Stand lässt sich also heute nicht mehr mit Rekurs auf eine zentrale Figur beantworten. Doch wie dann? Die Aktivitäten innerhalb des Berufsfeldes sind vielfältig und eine Übersicht zu gewinnen nicht mehr so einfach. Zumindest eine Achse des Feldes, so schien mir, ließe sich gut durchmessen, indem bedeutsame Vertreter möglichst unterschiedlicher Ansichten ihre entgegengesetzten Auf-fassungen diskutieren und so die Bandbreite des Aufstellungsfeldes illustrieren.
Unterschiede zu finden ist zwar nicht schwer. Es gibt keine zwei Vertreter der Zunft, deren Arbeit und Ansichten wirklich identisch wären. Doch diese Unterschiede sind nicht immer substanziell. Sehr konsequenzreich hingegen sind die kontrapunktischen Auffassungen zum Thema Verstrickung von Jakob Schneider, in dessen Arbeit der Begriff eine sehr durchdachte Verwendung findet, und Wilfried Nelles, der das Konzept auf erhellende Weise ablehnt. So lud ich beide zu einer Diskussion ein. Im Folgenden finden sich überarbeitete Ausschnitte dieser Unterhaltung.
Für die Redaktion: Martin Hell

Schneider: Die Probleme, die ein Klient hat und für die er eine Lösung sucht, kann man, wenn man so will, als eine Art Problemtrance auffassen, die ihm den Blick verstellt auf das, was wirklich ansteht zu bewältigen. Problemtrancen sind Vergangenheitstrancen. Die Frage ist: Wieso ist jemand in einer Probleme erzeugenden Vergangenheitstrance? Welchen Sinn macht das? Verkürzt würde ich sagen, der Sinn eines Problems ist, dass es mich zwingt, noch mal in die Vergangenheit zu schauen, weil aus ihr Kräfte wirken, die mich unfrei machen in Bezug auf mein zukünftiges Handeln. In systemischer Sicht binden diese Kräfte mich ein in die Schicksale anderer, die in irgendeiner Weise ungelöst geblieben sind. Ereignisse in meinem Leben und im Leben anderer, verbunden mit Schuld, Schmerz, Angst, Scham, Trauer, Verlust sind noch virulent. All diese unbewältigten und nicht abgeschlossenen Sachen kommen nicht zur Ruhe und äußern sich in unseren ernsthaften Problemen. Verstrickung ist ein Prozess, um den es in einer Vergangenheitstrance gehen kann – aber beileibe nicht der einzige.

Nelles: Die Aussage, Kräfte aus der Vergangenheit machten uns unfrei für unser künftiges Handeln, impliziert eine Vorstellung von Freiheit, die ich nicht teile. Alles, was wir tun, ist bedingt und wird es immer bleiben, nichts kann ich in diesem Sinne frei bestimmen. Das beginnt mit der Zeugung und geht über die Geburt und die Lebensumstände unserer Zeit und endet mit dem Tod. Nichts davon ist frei, und das gilt auch für alles andere. Aber das ist ein weites Thema, das ich zunächst einmal zurückstellen möchte.
Aber es ist schon wichtig, weil hier die Weichen gestellt werden, mit welcher Haltung wir die Arbeit machen, und diese Haltung bestimmt natürlich, das wissen wir ja inzwischen aus der Quantenphysik, auch das, was dann tatsächlich geschieht in einer Aufstellung.

Aber zur Praxis: Wenn ich auf die Aufstellungspraxis schaue, stimme ich insoweit mit dir überein, dass der Blick, das Schauen auf die Vergangenheit oft notwendig ist, weil sie nicht vorbei ist. Die Frage ist dann aber: Muss ich als Aufsteller in der Vergangenheit noch etwas lösen? Und da ist meine Antwort „nein“.

Ich habe zwei Beobachtungen gemacht, aus denen sich diese Haltung allmählich ergeben hat. Wenn ein Sohn vor seinen Eltern steht und einer der Eltern, sagen wir der Vater, sich abwendet und auf etwas Ungelöstes schaut, kann der Sohn damit meistens nicht umgehen, er versteht es nicht und meint, der Vater interessiere sich nicht für ihn, und deswegen kann er den Vater nicht nehmen. Dann gehen wir üblicherweise in einer Aufstellung hin und stellen hinter den Vater dessen Eltern und vielleicht die Großeltern und schauen, was dort ungelöst ist, und arbeiten damit. Wenn das gut gelingt, ist der Vater in der Aufstellung frei und wendet sich als innerlich freier Mann seinem Sohn zu. Der Sohn sagt dann: Ja, den Vater wollte ich schon immer haben, und fällt ihm in die Arme, überzeichnet formuliert. Es ist dann leicht für den Sohn, den Vater zu nehmen. Aber das ist nicht der Vater, den er kennt. Das ist nicht sein wirklicher Vater, der seiner Lebenserfahrung entspricht, sondern ein therapeutisch geläuterter, einer, der er hätte sein können, wenn ...  

Deshalb, finde ich, ist die viel tiefere Bewegung, wenn der Sohn auf den Vater schaut, wie er ist oder war, ohne dass daran etwas geändert wird. Er sieht, dass der Vater von etwas Altem besetzt ist, und dann sagt er: Ja, das ist mein Vater, und er ist richtig so. Ich muss ihn nicht anders haben. Das ist nicht nur viel größer, das ist auch viel wirklichkeitsnäher und deshalb auch wirksamer. Die einzige Voraussetzung, dass dies gelingt, ist, dass es mit Liebe gesagt wird.

Dazu kann ich als Therapeut beitragen, indem ich beide, den Vater wie den Sohn, mit Liebe anschaue, und zwar genau so, wie sie sind. Ich darf also auch den Sohn nicht erst dann lieben, wenn er sich zum Beispiel verneigt hat, sondern muss auch seinen Starrsinn achten. Dann wird er sich öffnen.

Darauf bin ich zufällig gestoßen, als ich nicht die Möglichkeit hatte, in die Generationen zurückzugehen. Die Eltern haben am Boden gelegen, und ich habe gesagt: So ist es, schau deine Eltern nur an. Das war zunächst sehr schwer, aber ich habe immer wieder insistiert: Nur hinschauen, und lass dein Herz davon berührt werden. Es hat eine Weile gedauert, aber dann war bei den meisten plötzlich die Liebe da, es hatte eine sehr tiefe Wirkung.

Die zweite Beobachtung war dann ganz überraschend für mich: In dem Moment, in dem der Sohn sagt: Ja, ich stimme dem zu, dass er nicht ganz für mich da sein konnte, und ich nehme ihn trotzdem als meinen Vater, in dem Moment war nicht nur der Sohn frei, sondern auch der Vater.  
In dem Moment, wo der Sohn sagt: Ja, ich stimme zu und gehe in mein eigenes Leben, hören alle Konflikte, die zuvor noch auf den vorherigen Generationsebenen existierten, auf. Die Vorfahren, zum Beispiel Vater und Mutter oder
Täter und Opfer, gehen aufeinander zu und sagen: Wenn der in seine Zukunft geht, dann ist unser Konflikt erledigt. Man braucht nicht damit zu arbeiten. Sie gehen aufeinander zu, umarmen sich, ohne dass ich irgendetwas mache.

Schneider: Was heißt eigentlich Verstrickung? Sind die Ahnen frei, aufeinander zuzugehen, wenn der Nachfolgende seinen Lebensweg geht? Oder sind vielleicht auch die Toten nicht frei, diese Freigabe zu geben? Wenn ich die Verstrickung als irgendwie existent ernst nehme, dann ist ihr Kennzeichen, dass auch die Ahnen, von denen sie kommt, mit eingeschlossen sind. Meine These wäre, dass rückwirkend auch die Ahnen etwas brauchen, damit die Freigabe oder der Friede im System gelingen, damit es besser weitergehen kann.

Nelles: Da sind zwei Voraussetzungen drin, die ich nicht teile. Zum Ersten ist meine Beobachtung: Das Einzige, was die Ahnen brauchen, ist, dass die Nachkommen nach vorne schauen. Dann sind sie erlöst. Ich nenne ein Beispiel. Ein junger Mann hat Probleme mit Geld, er verdient manchmal viel, verschwendet es aber sofort. Bei einem Besuch bei der Großmutter erzählt diese ihm, dass sie – es war in Tschechien – von den Kommunisten enteignet wurden. Sie erzählt dies dem Enkel unter der Bedingung, nicht darüber zu sprechen, sie ist also immer noch in einem ungelösten Schmerz. In der Aufstellung standen Großvater und Großmutter in einer starken Spannung zueinander, der Vertreter des Klienten lag lange am Boden, weil etwas Schweres ihn niederdrückte. Ich habe nichts gemacht. Als ich nach einiger Zeit frage, wie es ihm geht, berichtet er, dass ihn zwingt, am Boden zu bleiben. Ich frage ihn, was ihn denn zwinge. Er hebt leicht den Kopf, um mir zu antworten, und dann realisiert er plötzlich: Eigentlich ist da gar nichts, das hat ja gar nichts mit mir zu tun! Er sagt das, schüttelt sich und schaut sich um: Wo ist das Leben? Er blickt zu den Großeltern und sagt: Es ist in Ordnung. Dann steht er auf, lacht und schaut in sein eigenes Leben, seine Zukunft.
In dem Moment hört die Spannung zwischen den Groß-eltern auf, sie stellen sich wie ein glückliches Paar nebeneinander.

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Probe 2 aus PdS 2/ 2011
Mehr Recht, weniger Gericht durch „juristisch gesunde“ Lösungen
Karin Feth

Konfliktfrei mehr gewinnen
In vielen Fällen besteht die klassische Rechtsberatung in einer Art „Symptombehandlung“.
Zwischen den Parteien wird zwar eine bestehende Rechtsfrage geklärt, der zwischen ihnen bestehende Grundkonflikt schwelt jedoch oft weiter.
Dies wird insbesondere dort zum wirklichen Problem, wo Menschen in längerfristigen Rechtsbeziehungen zueinander stehen:
 
–    in Beruf und Unternehmen
–    im familiären Bereich
–    bei privaten oder unternehmensbezogenen Nachfolgeregelungen
–    im Vereinsleben
–    bei langwierigen Konflikten mit Verwaltungsbehörden
–    im Bereich von Haus und Wohnen
 
In diesen Fällen hilft eine mit Rechtsberatung gepaarte systemische Organisationsberatung dabei, die langfristige Verbindung zwischen den künftigen Prozessgegnern in Hinblick auf Konfliktpotenzial vor der Rechtsberatung zu analysieren, um so möglicherweise nicht nur den aktuellen, sondern auch künftige Rechtsstreite zu vermeiden oder zu minimieren. Diese Methode, die juristische Gesundheit genannt wird, bietet dem Fragesteller im Ergebnis entweder eine anwaltliche Auskunft unter Berücksichtigung des persönlichen bzw. betrieblichen Kontextes oder eine Organisationsberatung, die in ihren Empfehlungen die juristischen Folgen gleich mitberät.
 

Mehr als Mediation

Die Idee, dauerhaften Rechtsfrieden zu schaffen, ist natürlich nicht neu. Das Ziel, dass sich Streitende wieder versöhnen, existiert in der Geschichte menschlicher Konflikte  Jahrtausende länger als der Begriff ψGerichtsurteil“. In jüngerer Zeit wird versucht, mit dem Ausbau von Mediationsmöglichkeiten in bereits rechtshängigen Verfahren dem großen Interesse der Bevölkerung an Rechtsfrieden Rechnung zu tragen.
Allerdings ist bei allen Mediationsverfahren zu beachten, dass ein bereits real existierender Rechtsstreit gütlich beendet werden soll. Dies bedeutet, es läuft bereits ein Widerspruchsverfahren oder Klage ist schon erhoben. In bedeutenden Fällen gibt es schon für mindestens eine Seite ungünstige Presseberichte. Damit ist also bereits eine Eskalationsstufe erreicht worden, die im Grunde genommen schon jenseits der Bereitschaft der Parteien zur Einigung liegt. Jeder Rechtsstreit hat eine Vorgeschichte. Es sind lange vor Klageerhebung bereits Diskussionen geführt worden, Schreiben ausgetauscht worden und Handlungen begangen worden, die eskalierende Wirkung hatten.
Im Gegensatz zur Mediation setzt die juristisch gesunde Beratung zu einem viel früheren Zeitpunkt an. Bereits wenn der Mandant eine erste Auskunft über die Rechtslage und mögliche finanzielle Folgen einer gegebenenfalls zu erhebenden Klage begehrt, wird ihm das Angebot unterbreitet, einen systemischen Blick auf die Angelegenheit zu werfen. Dieser Blick ermöglicht dem Mandanten nicht nur die Selbstreflexion in dem Sinne, dass er einen Eindruck davon bekommt, ob es für ihn selbst tatsächlich um die hier begehrte Zahlung oder das hier begehrte Tun geht oder ob sich dahinter ein ganz anderer persönlicher Konflikt verbirgt. Vielmehr kann in der systemischen Rechtsberatung auch ein Eindruck davon vermittelt werden, welche Auswirkungen der schwelende Konflikt auf die anderen Beteiligten hat. ...

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Probe 3 aus PdS 2/ 2011
Die Wirklichkeit der Seele
Ursula Franke-Bryson im Gespräch mit Eva Madelung über ihre Begegnungen mit Bert Hellinger und ihren Weg als Aufstellerin             

Eva, wann bist du zum ersten Mal in Kontakt mit Aufstellungen gekommen?

Das war zu einer Zeit, als Bert Hellinger der therapeutische  Geheimtipp in Süddeutschland gewesen ist. Er hat noch nicht ausschließlich mit Aufstellungen gearbeitet, sondern war dabei, diese Methode zu entwickeln. Er leitete damals eine Gruppe, die Teil der Ausbildung einer analytischen Vereinigung war, und hat verschiedene Methoden integriert, die er selbst kennengelernt hatte und anwandte. Zum Beispiel Transaktionsanalyse, Primärtherapie und NLP.

Er war ja selbst Analytiker?

Ja, genau. – Prof. Görres, der sich bei ihm in Primärtherapie hat ausbilden lassen, hat ihn damals als einen Kolumbus bezeichnet, der von seinen Entdeckungsreisen die interessantesten Sachen mitbringt. In dieser Zeit bin ich zu ihm gekommen, nicht nur wegen seines therapeutischen Könnens, sondern weil ich den Eindruck hatte: Das ist ein besonderer Mann. – Das war wohl in den Achtzigerjahren, und ich bin in ebendiese Ausbildungsgruppe von ca. 20–25 Teilnehmern hineingerutscht, obwohl ich nicht Teilnehmerin der Ausbildung war. Das war sehr gut, denn man traf sich regelmäßig, und es war sehr intensiv. – Du, Ursula, hast es ja in deiner als Buch veröffentlichten Doktorarbeit dargestellt, aus welchen verschiedenen Bausteinen er diese Methode aufgebaut hat. Er war dabei sehr vorsichtig. Es wurde ihm damals von manchen vorgeworfen, dass er zu apodiktisch vorginge. Sie haben gedacht, er zöge sich das aus den Fingern. Das war aber nicht der Fall, sondern er hat es ganz langsam entwickelt: Er hat jemand seine Familie aufstellen lassen, so wie wir das aus dem klassischen Familienstellen kennen. Dann ließ er den Aufstellenden hinsitzen und hat herumgefragt, wie es den Stellvertretern geht. Denjenigen, dem es am schlechtesten ging, hat er aufgefordert, sich zu seinen Gunsten zu verändern. Wenn er einen Platz gefunden hatte, an dem es ihm besser ging, hat er wieder herumgefragt, so lange, bis das System zur Ruhe kam. Das dauerte oft ziemlich lang, manchmal kam es auch nicht zur Ruhe.
Es war faszinierend, wie er das gemacht hat, wirklich empirisch. Zum Beispiel hat er die Grundfigur: Vater, Mutter, erstes, zweites, drittes Kind nicht aus irgendeiner vorgefassten, konventionellen Anschauung heraus sich ausgedacht, sondern hat durch viel Erfahrung herausgefunden, dass sich häufig etwas löst, wenn diese Reihenfolge da ist.
Er hat dann noch Gesten wie Hinknien oder Verneigen hinzugenommen und Sätze und damit eine Lösung erreicht. Das ist längst Allgemeingut geworden, aber ich erinnere mich, wie irritiert ich war, als ich zum ersten Mal miterlebte, dass er einen Mann vor der bei seiner Geburt verstorbenen Mutter hinknien und bis zum Boden verneigen ließ.
 
Wie hat dich das denn persönlich betroffen, als du mit Aufstellungen in Kontakt gekommen bist?

Das war in einem Workshop in Fuschl, das war nicht mehr in dieser Gruppe, sondern später. Da habe ich meine Ursprungsfamilie aufgestellt und wurde dabei auf die erste Frau meines Vaters aufmerksam, mit der ich identifiziert war. Diese Aufstellung ist für mich sehr eindrücklich gewesen, hat mich lange begleitet und in meinem Leben manches wieder ins Lot gebracht. Da gab es einen Graben zwischen der ersten und der zweiten Familie, und den Kontakt wieder aufzunehmen – was ich dann bewusst getan habe – das war für meine Familie und für die meines Bruders eine gute Sache.

Was war denn so dein erster Eindruck von Bert und wie hat sich dieser Eindruck über die Jahre verändert, wenn er sich verändert hat?

Ich traf ihn das erste Mal persönlich, als er zur Supervision in der Drogenberatung Condrops in München kam, wo ich im Vorstand gewesen bin. Das war in den wilden Siebzigern, da ging’s manchmal toll zu, und da kam Bert zur Supervision. Und ich weiß nicht mehr, zu welchen Fragen wir seinen Rat gesucht haben, aber seine intensiv strahlenden blauen Augen sind mir geblieben. Ich hab gedacht, zu dem möchte ich, habe das aber dann immer wieder aufgeschoben. Der erste Eindruck war also bestimmt von seiner starken Präsenz und Unbestechlichkeit.
Dann war ich ja noch in dieser Ausbildungsgruppe, dann auch in Fuschl, wohin er einige der Milton-Erickson-Schüler – also Hypnotherapeuten aus Amerika – eingeladen hat. Er war lange Zeit eine sehr wichtige Lehrerpersönlichkeit für mich, und irgendwann hat er mir einen Schubs gegeben und gesagt, jetzt dürfte ich nicht mehr in seine Gruppen kommen, jetzt müsste ich selbst Aufstellungsgruppen anbieten. Ich habe nämlich lange gezögert und gedacht, das kann man nur machen, wenn man ist wie er. Erst dann habe ich damit angefangen.

Hat sich dein Eindruck über die Jahre verändert?

Ja, es gab später dann einen Umbruch. – Aber ich möchte aus meiner heutigen Sicht noch mal präzisieren, wie ich ihn sehe: Ich bin der Ansicht, dass er mit der Aufstellungsarbeit etwas entwickelt hat, was uns offenbar im Zeitalter der Globalisierung besonders angeht. – Aus einem Artikel von Idris Lahore (PdS 2/2008) geht hervor, dass die Aufstellungsarbeit ja auch alte, spirituelle Wurzeln hat, von denen Bert Hellinger aber sicherlich nichts wusste, als er sie in die Welt gesetzt hat, und insofern ist er darin ein Pionier. – Mein Eindruck ist, dass die Verbreitung dieser Methode größer ist als die der Analyse und auch schneller vor sich ging. Wenn man sich vorstellt, wie sie heute global praktiziert wird und gefragt ist. Und dass nicht nur er, sondern auch seine Schüler, die was daraus gemacht haben, die kreativ waren, weltweit gefragt sind, bis nach China. Ich finde das verblüffend, und es zeigt, dass bei dieser Arbeit „seelisches  Urgestein“ – wie ich es gerne nenne – zutage tritt, was offenbar gerade auch in der heutigen Zeit wertvoll ist.

Wann wurde er eigentlich wirklich berühmt?

Du erinnerst dich, als wir zusammen den großen Workshop organisiert haben und als an die 500 Leute kamen. Das war
zu Beginn der Neunzigerjahre, und da fingen die Großworkshops an. Bis dahin waren es immer um 20 bis 25 Leute. Allerdings musste man sich meistens ziemlich lange vorher anmelden. Und dann plötzlich wollten auf einer Zist-Konferenz in Garmisch um die 300 Leute zu ihm. – Das hat er mir bei einem Vorgespräch wegen der Organisation eines 20–25-Teilnehmer-Workshops erzählt, und mich gefragt, ob ich so was Größeres auch organisieren wollte, und ich habe Ja gesagt. Gott sei Dank hast du mir damals dabei geholfen. Ich konnte mir nicht vorstellen wie das gehen sollte mit so vielen Teilnehmern, aber es ging sehr gut. – Und heutzutage, nach ungefähr 20 Jahren, diese weltweite Verbreitung! Es ist wirklich eine erstaunliche Erfolgsgeschichte.

Was waren die wichtigsten Dinge in der Zeit, in der du als systemische Therapeutin oder als Aufstellerin gearbeitet hast?

Da kommt mir erst einmal die schon vorher erwähnte Intensität in den Sinn, die in einer Aufstellungsgruppe entstehen
kann, die dichte Atmosphäre und damit das Gefühl, hier geht es wirklich in die Tiefe – oder wie immer man das nennen will. Ich habe das häufig erlebt, sowohl als Teilnehmerin als auch als Leiterin. – Allerdings ist das ja in keiner Weise in jeder Aufstellung so. Aber dass es solche Momente gibt, das hat mich sehr angezogen an dieser Arbeit. Leider gibt es ja keine Garantie, dass eine solch intensive Aufstellung auch eine besondere Wirkung im Leben des Klienten hat. Aber es geschieht doch häufig. Diese Konzentration und Kreativität hat mich fasziniert, sodass ich bis zum Ende meiner therapeutischen Laufbahn dabeigeblieben bin.
Dann gab es auch Bücher von Bert Hellinger, die mich begleitet haben, oder Sätze daraus. Zum Beispiel ein Abschnitt aus dem Buch „Religion, Psychotherapie, Seelsorge“ (Kösel 2001, S. 112), der mit dem Nietzsche-Zitat „Gott ist tot“ überschrieben ist. Hellinger bemerkt dazu: „Manche haben diese Aussage behandelt, als sei sie eine Behauptung. Für mich stellt sich aber immer mehr heraus, dass er etwas beobachtet hat. Dass etwas, was früher da war, jetzt tot ist. Dass es weg ist. Plötzlich ist da eine Leere.“ Mit solchen Aussagen stößt er in geistige Bereiche vor, die man auch bei Philosophen in dieser Konzentration und Tiefe sehr selten findet. So etwas gibt zu denken, es geht einem nach.

Was sind die drei wichtigsten Punkte in dem Buch, das du mit Barbara Innecken zusammen verfasst hast? ...

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